Die Welt ist klein: Vom Bauernsohn zum Fürstenmaler!
Man sagt über sechs Ecken kennt jeder jeden und um sechs Ecken ist auch alles miteinander verbunden. Ein gutes Beispiel ist der Maler Franz Xaxer Winterhalter, der am 8. Juli 1873 verstarb und den wir vor allem durch seine berühmten Sisi-Gemälde kennen. Und hier kommen seine sechs Ecken:

Die erste Ecke ist die Französische Revolution und ihre Folgen. Am 14. Juli 1789 startete mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die Revolution. König Louis XVI. von Frankreich und Königin Marie-Antoinette, eine geborene Habsburgerin, wurden vom Thron gejagt, festgesetzt, verurteilt und guillotiniert. Diese Revolution und sein persönliches Talent ermöglichten einem jungen korsischen Offizier namens Napoleon Bonaparte einen beispiellosen Aufstieg: Mit seiner Armee eroberte er Europa, machte sich zum Kaiser der Franzosen und ordnete den Kontinent neu.
Womit wir bei der zweiten Ecke wären, denn zu dieser Neuordnung gehörte auch die Säkularisierung der Kirchen. Davon betroffen war auch das Benediktiner Kloster St. Blasien im Hochschwarzwald. Die meisten Mönche schlossen sich anderen Klöstern an. Einer von ihnen wurde jedoch Pfarrer und Lehrer in dem kleinen Ort Menzenschwand. In seinem Unterricht saßen auch die beiden Bauernsöhne Franz Xaver und Hermann Winterhalter.
Der Pfarrer stellte bei den Brüdern eine besondere Begabung fest: sie konnten beide gut malen, was uns zur dritten Ecke führt: zum Herder Verlag in Freiburg. Denn der Pfarrer riet dem Vater der beiden Buben, dort als Zeichner und Graphiker ausbilden zu lassen.
Mit seinem Talent ausgestattet bewarb sich Franz Xaver gegen Ende seiner Lehrzeit an der Münchner Akademie, der vierten Ecke. Er wurde angenommen, schaffte den Sprung zur Ölmalerei und bewarb sich außerdem mit einem Schreiben und zwei Bildgeschenken beim Großherzog von Baden um ein Stipendium, was ihm auch tatsächlich gewährt wurde. Erste Kontakte zu Fürstenhöfen waren also geschlossen.
Nach der Ausbildung wurde Franz Xaver Winterhalter zur fünften Ecke berufen: Er wurde Hofmaler beim Großherzog von Baden. Man muss wissen, dass die Großherzoginwitwe von Baden eine Adoptivtochter des oben erwähnten Napoleon I. gewesen ist. Sie verfügte über beste Kontakte in Paris und förderte den jungen Künstler, den es auch nicht lange am Hof hielt. Er ging nach Paris.
Dort malte Winterhalter recht bald Louise, Königin der Belgier, sie entstammte wie die beiden Geköpften aus der ersten Ecke, dem Hause Bourbon und war mit sämtlichen europäischen Königshäusern verwandt. Sie verschaffte Winterhalter Zugang zu ihren Verwandten an den Höfen Europas. Er wurde der bedeutendste Maler von Herrschergemälden seiner Zeit. Queen Victoria ließ ihre gesamte Familie von ihm malen. Die Romanows wurden ebenso von ihm portraitieren wie die Habsburger, die Bonapartes und viele andere.
Paris wurde also zu Winterhalters sechsten Ecke, der Kreis schloss sich und er reiste von Residenz zu Residenz. Er malte die Nachkommen der Geköpften ebenso wie die Nachkommen der Revolutionäre.



