Royal Watcher on Tour: Der Kaiser und seine queeren Freunde
Vor ein paar Jahren sind Freunde von mir ins Löwenberger Land in Brandenburg gezogen. Bei meinen Besuchen ist mir immer wieder das Gut und Schloss Liebenberg aufgefallen, an dem wir auf dem Weg vom Bahnhof vorbeifuhren. Irgendwann habe ich angefangen, über diesen Ort zu recherchieren und habe einige erstaunlich Geschichten herausgefunden.

Zeitweise hat hier Libertas Schulze-Boysen, ein Mitglied der Widerstandsbewegung „Rote Kapelle“ gelebt. Das Gut wurde aber auch jeweils von den Staatspitzen des Kaiserreiches, des Dritten Reichs und der DDR für Jagdgesellschaften genutzt. Heute jedoch möchte ich über den Großvater der Widerstandskämpferin erzählen: Philipp, Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, Graf von Sandels.
Philipp zu Eulenburg hatte 1886 den damaligen Prinzen Wilhelm von Preußen kennengelernt, der zwei Jahre Später als Wilhelm II. Preußischer König und Deutscher Kaiser werden sollte. Zwischen dem Kaiser und dem Diplomaten Eulenburg entwickelte sich sehr rasch eine enge emotionale Freundschaft. Herbert von Bismarck, der Sohn des Reichskanzlers formulierte damals, dass der Kaiser niemanden mehr liebte als Eulenburg.
Biografen Wilhelms II. bescheinigen der Beziehung zu Eulenburg eine homoerotische Komponente, ohne davon auszugehen, dass es tatsächlich eine homosexuelle Beziehung zwischen den beiden gegeben hat. Auch Eulenburg wird sich nicht als Homosexuellen gesehen haben, obwohl er selbst in Briefen von sexuellen Handlungen mit anderen Männern schreibt.
Um Eulenburg und Wilhelm entstand eine Clique von Adligen, die dem Kaiser ergeben gewesen sind, der sogenannte Liebenberger Kreis. Dieser Männerbund traf sich regelmäßig zu gemeinsamen Jagden vor allem im Löwenberger Land und zu den jährlichen Nordlandfahrten des Kaisers, bei denen Frauen ausdrücklich nicht erwünscht gewesen waren. Die Mitglieder des Kreises unterhielten teilweise sexuelle Beziehungen zueinander und sprachen in Briefen als „Tütü“ oder „Phili“ mit und übereinander. Der Kaiser wurde häufig als „Liebchen“ bezeichnet.

Die Treffen des Liebenberger Kreises konnten kultiviert, aber auch recht vulgär ablaufen. Es wurde musiziert, gesungen, gelacht und allerlei Aufführungen veranstaltet. So hat das Mitglied Georg von Hülsen dem Grafen Görtz folgenden Vorschlag für eines der Zusammenkünfte unterbreitet:
„Sie müssen von mir als dressierter Pudel vorgeführt werden! – Das ist ein ,Schlager‘ wie kein anderer. Bedenken Sie: hinten ,geschoren‘ (Tricot), vorn langer Behang aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten unter dem echten Pudelschwanz eine markierte Darmöffnung und, sobald Sie ,schön machen‘, ,vorne‘ ein Feigenblatt. Denken Sie wie herrlich, wenn Sie bellen, zur Musik heulen, eine Pistole abschießen oder andere Mätzchen machen. Das ist einfach ,großartig!‘ […] Ich sehe bereits S[eine] M[ajestät] lachen wie wir.“
(Quelle: Hülsen an Görtz, 17. Oktober 1892. In: Eulenburg, Korrespondenz, Bd. 2, S. 953. Siehe auch Röhl 1988, S. 24.)
Ich stelle mir gerade bildlich vor, wie der Kaiser diesem Schauspiel folgt. Wer sich auch nur eine Stunde lang mit Wilhelm II. beschäftigt hat, wird wissen, dass er zu exzentrischer Selbstdarstellung und militärischen Uniformen neigte. Seine Reden waren martialisch und strotzen vor zur Schau gestellter Maskulinität. Zeitlebens versuchte der Kaiser auf diese Weise eine Behinderung am Arm zu überspielen, die er seit seiner Geburt hatte und für die sich seine Mutter, eine Tochter Queen Victorias, schämte und wegen der er als Kind vergeblich brutale Prozeduren über sich ergehen lassen musste, um sie auszugleichen.

Man muss sich Wilhelm in einem Spannungsfeld vorstellen, in dem von ihm erwartet wurde, dass er als Kaiser den deutschen Volkskörper makellos und kräftig repräsentierte. Und in dem er andererseits nach einer freundschaftlichen, vertrauten Nähe suchte. In Eulenburg und dem Liebenberger Kreis fand Wilhelm genau dieses.
Die Cliquenmitglieder avancierten somit auch sehr schnell zu seinen engsten Beratern, hatten großen Einfluss auf politische Entscheidungen und galten in der Öffentlichkeit als Nebenregierung. Sie waren am Sturz Bismarcks beteiligt und drängten in der Außenpolitik auf eine eher ausgleichende, weniger kriegerische Haltung. Das gefiel nicht allen im Kaiserreich und mündete in einen der großen Skandale der Vorkriegszeit: die Harden-Eulenburg-Affäre. Über diese werde ich jedoch in einer anderen Geschichte über Liebenberg berichten.

